Familien im Mittelpunkt – Eindrücke vom Tutorial auf der DGA-Jahrestagung 2026 in Oldenburg
Auf der diesjährigen Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Audiologie (DGA) in Oldenburg (4. - 6. 3. 2026) stand für die CI-KIDS ein besonderes Tutorial im Mittelpunkt. Der Fokus des Tutorials war die familienzentrierte Arbeit mit Kindern mit Hörschädigung – also ein Thema, das weit über Technik, Diagnostik und Therapie hinausgeht.
Unter dem Titel „Eltern- und familienzentriertes Arbeiten – Einblicke in aktuelle Anforderungen an Fachkräfte in der Hörfrühförderung, Therapie und Rehabilitation“ wurden unterschiedliche Perspektiven zusammengebracht – aus Forschung, Praxis und aus Elternsicht. Für mich persönlich war es eine große Freude und auch eine besondere Verantwortung, in diesem Rahmen den Beitrag „Wünsche und Bedürfnisse aus Elternsicht sowie die Bedeutung der Selbsthilfe“ einzubringen.
Ein gelungener Blick auf Familien und ihre Rolle
Den Auftakt des Tutorials gestaltete Karen Reichmuth vom Universitätsklinikum Münster/UKM, Klinik für Phoniatrie und Pädaudiologie. Sie gab einen Überblick über den aktuellen wissenschaftlichen Stand zur familienzentrierten Frühintervention. Deutlich wurde dabei, wie sehr sich die Sichtweise in den letzten Jahrzehnten verändert hat: Eltern werden heute nicht mehr nur als Begleiter im Therapieprozess gesehen, sondern als zentrale Partnerinnen und Partner. Ihre Beziehung zum Kind, ihr Alltag und ihre Ressourcen bilden eine wichtige Grundlage für eine erfolgreiche Hör- und Sprachentwicklung.
Besonders spannend war der Einblick in konkrete Methoden, mit denen diese Zusammenarbeit unterstützt werden kann. So wurde unter anderem die Bedeutung von Elterncoaching und Videofeedback hervorgehoben – also der gemeinsamen Analyse von Alltagssituationen zwischen Eltern und Kind, um kommunikative Stärken sichtbar zu machen und weiterzuentwickeln (Dr. Yvonne Seebens, CIC Rhein-Main Friedberg).
Weitere Beiträge widmeten sich wichtigen Aspekten rund um das Aufwachsen von Kindern mit Hörschädigung: etwa der Rolle von Emotionskommunikation zwischen Eltern und Kindern (Prof. Karolin Schäfer, Universität Duisburg Essen zusammen mit Prof. Vanessa Hoffmann, HAW Hamburg), Fragen der Identitätsentwicklung in inklusiven Lebenswelten (Karen Reichmuth, UKM) oder auch den Bedürfnissen von Geschwisterkindern, die im Familienalltag oft weniger im Fokus stehen (Nina Freiburg, CIC Rhein-Main Friedberg). Gerade diese unterschiedlichen Blickwinkel machen deutlich, wie komplex und zugleich wie wichtig eine familienzentrierte Unterstützung ist.
Elternperspektive und Selbsthilfe im Fokus unseres Beitrags
In unserem Beitrag durften wir die Perspektive der Eltern in den Mittelpunkt stellen. Grundlage dafür waren Erfahrungen aus der Selbsthilfearbeit der CI-KIDS, der Abteilung für Eltern hörgeschädigter Kinder mit ihren Kindern, des Cochlea Implantat Verbandes NRW.
Viele Eltern wünschen sich im Kontakt mit Fachkräften vor allem eines: eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Dazu gehören verständliche Informationen, ehrliche Beratung, Zeit für Fragen – aber auch emotionale Begleitung in einer Situation, die für viele Familien zunächst sehr herausfordernd ist.
Ein wichtiger Baustein kann dabei die Selbsthilfe sein. Sie schafft Räume für Austausch, für gegenseitige Unterstützung und für das Gefühl, mit den eigenen Fragen und Sorgen nicht allein zu sein. Gleichzeitig kann Selbsthilfe eine Brücke zwischen Familien und Fachwelt bilden – als Ort, an dem Erfahrungen aus dem Alltag gesammelt und zurück in den fachlichen Diskurs getragen werden.
Vielen Dank für eure Beteiligung
Ein besonderer Bestandteil unseres Beitrags war ein Fragebogen, an dem sich zahlreiche Eltern beteiligt haben. Die Rückmeldungen aus der Community waren unglaublich wertvoll. Sie haben uns ermöglicht, dem Fachpublikum ein direktes „Systemfeedback“ aus der Elternperspektive mitzugeben.
Viele der angesprochenen Punkte – etwa der Wunsch nach verständlicher Kommunikation, nach realistischen und ermutigenden Perspektiven und Sensibilität für emotionale Situationen – fanden im Publikum eine sehr positive Resonanz. In den Gesprächen nach dem Tutorial wurde deutlich, dass diese Rückmeldungen von vielen Fachkräften als wichtige Impulse für die eigene Arbeit wahrgenommen wurden.
Dafür möchten wir uns an dieser Stelle ganz herzlich bei allen bedanken, die sich die Zeit genommen haben, unseren Fragebogen auszufüllen und ihre Erfahrungen zu teilen. Ohne diese Beteiligung wäre dieser Beitrag in der Form nicht möglich gewesen.
Ein ermutigendes Signal
Aufgrund der hohen Relevanz des Themas für den CI-Versorgungsprozess soll es zusätzlich zum Tutorial noch einen Fachbeitrag in der Zeitschrift für Audiologie geben. Für mich persönlich war dieses Tutorial ein sehr ermutigendes Erlebnis. Es hat gezeigt, dass sich Forschung, Praxis und Selbsthilfe immer stärker aufeinander zubewegen. Familien werden zunehmend als aktive Partner gesehen – und ihre Erfahrungen finden mehr Gehör im fachlichen Austausch.
Genau darin liegt eine große Chance: Wenn Fachkräfte und Eltern gemeinsam an einem Strang ziehen, profitieren vor allem die Kinder.
Und letztlich ist genau das das Ziel, das uns alle verbindet.
Hinweise:
Autor: Christoph Dietzschold
Bilder: Christoph Dietzschold
Dieser Artikel ist ebenfalls in der "CIV-NEWS" Printausgabe erschienen.



